Mein Lieblings...

Ich erinnere mich noch an die Fragen in den Freundschaftsbüchern:
In der einen Zeile sollte ich mein Lieblingsessen notieren, in einer anderen meine Lieblingsfarbe. Welche Lieblingsdinge noch erfragt wurden – ich weiß es schon nicht mehr. 
Aber es waren solche Lieblingsdinge, über die wir als Kinder sprachen. Wir merkten: Da haben wir gemeinsame Interessen. Da unterscheiden wir uns. Wir überlegten uns selbst ein Lieblingsding und entdeckten, wie viele andere es auch noch geben kann.
Später wurde dann aus dem Ausfüllen von Freundschaftsbüchern die Suche nach Lieblingsmenschen. Nach Freundinnen
und Freunden, denen wir uns anvertrauen können. 
Nach Partner*innen, mit denen wir uns auf den Lebensweg
wagten. 

Wir entdeckten Lieblingsorte, tanzten miteinander zur Lieblingsmusik, philosophierten über Lieblingsmaler, Lieblingsbücher, Lieblingsblumen …
Ich freue mich darauf und hoffe es sehr, auch in Zukunft offen zu bleiben, neue Lieblingsorte, -dinge und klänge zu finden. Denn es trägt durch’s Leben zu wissen, wer und was einem lieb und teuer ist.
„Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
(Matthäus 6,21)
Das sagt Jesus und zielt damit auch auf unsere Gedanken, die um allerhand Lieblingsdinge kreisen. Er meint, wir sollen unser Herz nicht ausschließlich an irgendwelche Lieblingsdinge hängen und von ihnen allein das Glück erhoffen.
Das Glück liegt jenseits der Statussymbole, die wir anhäufen.
Das heißt aber nicht, dass wir nichts mehr haben, nichts mehr erleben sollten, was uns lieb und teuer ist.

Wie gut ist es, einen Lieblingsort zu haben: Vielleicht ist es der Ort, in den du im Sommer in Urlaub fährst. Vielleicht aber auch einfach die Wohnung zuhause. Ein Ort, an dem dein Herz hängt. Wo du zur Ruhe kommst.

Wie gut ist es, wenn die Lieblingsmusik ertönt: Dein Herz schlägt mit im Takt des Beats. Du spürst ganz neu, wie lebendig du bist. Wirst dankbar für das Leben, so wie es gerade ist, trotz seiner Ecken und Kanten.

Ach, und wie gut ist solch ein Lieblingsessen: Es erinnert dich vielleicht an diesen einen Menschen, der es einst für dich in Kindheitstagen gekocht hat. Du merkst mit jedem Bissen, wie sehr dein Herz an diesem Menschen hängt.
Vielleicht auch, wie sehr du ihn vermisst.

Wie gut ist es, wenn es Lieblingsdinge und Lieblingsmenschen für uns gibt. Sie lassen uns hoffen und durchhalten.
Sie öffnen eine Tür zu uns selbst, die uns vielleicht länger verschlossen war.

Ich glaube sogar, wenn uns etwas lieb und teuer ist, sind wir vielleicht etwas besser vor so mancher Ignoranz geschützt.
Dann kann uns nicht einfach alles egal sein.

Ich wünsche mir in diesem Sommer einen ruhigen Moment, um nachzudenken, welche Lieblingsdinge für mich einen
Wert jenseits aller Wertgegenstände haben. Und um dankbar zu sein für die Fülle, die Gott mir durch das geschenkt
hat, was mit Geld nicht zu bezahlen ist.


Ihr / euer Pfarrer Jonathan Stoll